Der innere Drang Filme zu machen, entspringt natürlich einer bestimmten
politischen Haltung über ebenso den starken Drang mit meiner Filmarbeit
aufzuklären und meinen Beitrag zur Veränderung und Entwicklung der Gesellschaft
und unserer Lebensbedingungen zu leisten. So sind meine Filme auch nie Sach- oder
Informationsfilme, sondern befassen sich oft mit dem Aspekt Demokratie.
D.h. im Falle der Genmanipulation von Pflanzen, Tieren und Menschen wurde die
entsprechende Technik ohne demokratische Diskussion und Abstimmung in die
Gesellschaft eingeführt, obwohl zu befürchten steht, dass sie grössere
Auswirkungen auf unser Leben haben wird, als die sogenannte friedliche Nutzung
der Atomenergie. Die Politik hechelt nur hinterher, um die von der Industrie
geschaffene Realität in hilflose Gesetze zu fassen.
Die 3-teilige Serie für ARTE über die Genveränderung bei Pflanzen, Tieren und
Menschen befasst sich jeweils separtat mit einem der Bereiche, während die 95
Minuten- Fassung das gesamte Feld der Genmanipulation am Leben betrachtet.
Dadurch wird noch mal deutlicher, das in allen drei Bereichen die gleichen
Interessen und die gleiche Industrie mit den gleichen Motiven dahinter steht. Das
ist wichtig, weil Konsumenten in überwiegender Mehrheit - 70-80%- Genfood
ablehnen. Gleichzeitig verbinden viele Menschen grosse Hoffnung mit der
sogenannten Gentherapie. Die Industrie verspricht, dass kurzfristig Erb- und
Volkskrankheiten wie Alzheimer, Diabetes oder Multiple Sklerose heilbar seinen.
Ja, ich teile absolut diese Meinung, dass es sich bei der Gentechnik um einen
gigantischen Menschenversuch handelt. So essen 200 Millionen Amerikaner seit
neun Jahren genveränderte Nahrung, nicht etwa weil sie dem zugestimmt hätten,
sondern es wurde ihnen nie mitgeteilt. Sie sind nicht informiert und es gibt keine
Kennzeichnung von genmanipulierten Anteilen in der Nahrung. D.h. es gibt auch
keine Kontrollgruppe um z.B. die sukzessive Beeinträchtigung des Immunsystems
irgendwelchen Ursachen zuordnen zu können.
Bei Baumwolle eher ja, bei Rapsöl eher nein, weil wir seit April 2004 in Europa
eine Kennzeichnungspflicht haben für Lebensmittel, die genveränderte
Vorprodukte enthalten. Allerdings müssen sie nur gekennzeichnet werden, wenn
sie zu mehr als 0,9 % aus genveränderten Bestandteilen bestehen. Außerdem
muss tragischerweise bisher kein Fleisch von Tieren gekennzeichnet werden, die
mit Futter aus genmanipulierten Getreide gemästet wurden: Hühner, Schweine,
Rinder, etc. ... Es bleibt zu hoffen, dass der Konsument diese Kennzeichnung
vehement fordert.
Die Industrie hat genug Zeit, Geld und Sendeplätze um mit beruhigenden,
verkürzten und zu grossen Teil unwahren Behauptungen über die Auswirkungen
der Gentechnik zu werben. Es wird auch wenig darüber gesprochen Wer auf
diesem Gebiet Was, Wie und Warum tut. Deswegen war es mir wichtig genau
diesen vier "Ws" nachzugehen.
Das Verbraucherbewusstsein scheint in Europa ja in einem mehr unbewussten,
bzw., intuitiven Bereich sehr gut zu funktionieren. Denn obwohl das Wissen und
das Verstehen von Gentechnik beim Einzelnen sehr gering ist, lehnt die
Bevölkerung als Konsumenten genveränderte Nahrung ab. Dies veranlasste die
EU 1998 zu einem 5 jährigen Moratorium, während dann kein genverändertes
Getreide oder Lebensmittel eingeführt werden durften. Es wurde erst jetzt - April
2004- mit der Einführung der Kennzeichnungspflicht aufgehoben. Durch die
Kennzeichnung erhält der Konsument die Möglichkeit sich im Supermarkt für oder
gegen Gentechnik zu entscheiden. So wird die von der Industrie zunächst
umgangene demokratische Abstimmung über Gentechnologie an der Ladentheke
nachgeholt. Der Film soll ein bisschen helfen, dass der Konsument sich bewusst
entscheiden kann. In Folge würde dann der Markt reagieren und die
Lebensmittelindustrie ggf. aufhören genmanipulierte Vorprodukte zu verwenden
und die Saatgut und Agro- Industrie würde auf ihrem genveränderten Getreide
sitzen bleiben. Genau das befürchten inzwischen die Farmer in USA und Kanada,
seit genveränderter Weizen eingeführt werden soll.
Vordergründig ist es natürlich ein Kampf David gegen Goliath, wenn sich der
Bürger als machtloses Einzelindividuum sieht. Die Konsumenten in ihrer
Gesamtheit sind aber sehr wohl ein Goliath, der die Industrie über den Markt zu
entsprechendem Verhalten zwingen kann. Das ungeheuerliche allerdings ist, dass
inzwischen schon ein Teil unserer Welt durch die Einführung von Gentechnik
verseucht und die Industrie - zusammen mit der US Regierung- versucht mit
Gewalt diesen Prozess weiterzuführen und Fakten zu schaffen, die sprichwörtlich
nicht wieder aus der Welt zu schaffen sind. So z.B. durch kostenlose Hungerhilfe in
Afrika mit genveränderten Mais nicht essen, der dann möglicherweise nicht
gegessen, sondern ausgesät wird und dann das eigene alte Saatgut verseucht.
Eine solche biologische Umweltverseuchung ist viel anhaltender und gefährlicher
als eine chemische Verschmutzung, denn sie vervielfältigt sich von selbst.
Ich achte sehr genau darauf, keine Lebensmittel mit Gentechnik zu kaufen, wobei
die Kennzeichnung der Lebensmittel gerade erst eingeführt ist. Es bleibt zu hoffen,
dass die EU Bestrebungen unterstützt Lebensmittel auch als "Gentechnik frei"
kennzeichnen zu dürfen oder Regionen und ganze Landstriche sich zu gentechnik
freien Zonen erklären.
Obwohl sich Stichworte wie Terminator- Technologie, Pflanzen- Patentrechte,
Genom- Entschlüsselung oder biologische Verseuchung eher pessimistisch
anhören, ist "Leben ausser Kontrolle" kein pessimistischer Film. Wir begegnen
vielen Menschen in aller Welt, die der Industrie die Stirn bieten, Gefahren
aufzeigen, aber auch Alternativen anbieten. So bekämpft z.B. Vandana Shiva in
Indien mit Erfolg den Agro- Multi Monsanto und fördert gleichzeitig auf breiter Ebene
die Rückkehr zur herkömmlichen, nachhaltigen, biologischen Landwirtschaft ohne
Chemie. Und sie beweist, dass diese Form der Nahrungsmittelerzeugung nicht
weniger ertragreich ist und vor allem volkswirtschaftlich gesünder. Ein anderes
Beispiel sind verantwortungsvolle Restaurantbesitzer in den USA, die gemeinsam
genveränderten Fisch boykottieren.
Seit 25 Jahren machen wir Filme mit politischen, ökologischen und sozialen
Themen. Von Anfang an war unsere Arbeit durch die Überzeugung geprägt, dass
es die sogenannten objektiven Filme nicht gibt. Schon rein formal beeinflusse ich
den Zuschauer unbewusst durch Schnitt, Musik, Kameraausschnitt oder
Brennweite. Da halte ich es für besser und ehrlicher klar meine Haltung zum
Ausdruck zu bringen und durch Argumente oder Bilder zu belegen. Damit kann sich
der Zuschauer besser und klarer auseinandersetzten als mit der viel gepriesenen
Ausgewogenheit, die den Zuschauer oft eher hilflos und allein lässt. Ich würde
sogar behaupten, dass aber genau dies erreicht werden soll, unter gleichzeitiger
Vorspiegelung "objektiv" informiert worden zu sein.
An den Zuschauerreaktionen merken wir, dass unsere Filmarbeit eine Wirkung hat.
Die grosse Nachfrage nach VHS- Kassetten nach einer Ausstrahlung belegt das
Interesse nach einer tieferen Auseinandersetzung mit unseren eher nicht
ausgewogenen Filmen. So erhielt ein Sender in Australien nach der Ausstrahlung
unseres Films "Blue eyed- Blauäugig" (zum Thema Rassismus) über 4000 Anrufe,
Emails und Briefe und kaufte postwendend drei weitere Ausstrahlungen. Das freut
uns natürlich. Auch glaube ich, dass wir mit unseren fünf Filmen zum Thema
Demokratie und Atomkraft am Beispiel von Wackersdorf auch unseren kleinen
Beitrag zur Baueinstellung der Atomfabrik geleistet haben.
Mit unserem Film über die Risiken und Gefahren der Gentechnik möchten wir
zunächst mal eine verständliche, tiefere, zusammenhängende Information zu
Thema liefern, um dem Bürger / Zuschauer / Konsumenten zu helfen bei seiner
täglichen Entscheidung für oder gegen Genfood. Allerdings geht es weniger um
wissenschaftliche Fakten, als um einen ganzheitlichen Denkansatz, der über das
kurzfristige "beschränkte" und eingeschränkte Kästchendenken der Industrie
hinausgeht. Im Zeitalter der Quantenphysik und unserem Wissen über den
vernetzten Charakter unserer Welt- alles ist mit allem verbunden- darf es nicht
mehr sein, dass jemand aus einem lebendigen Organismus einfach ein Gen
durch ein anderes Gen einer andern Spezies ersetzt (um z.B. einen grösseren und
schneller wachsenden Lachs zu erhalten) ohne zu bedenken, dass er damit das
gesamte Lebewesen in seiner Struktur und im Zusammenspiel seiner Millionen
oder Milliarden Zellen möglicherweise grundlegend verändert. Außerdem müssen
die Einflüsse auf die Umwelt und auf unsere Gesundheit beachtet werden, wenn
wir diese genmanipulierte Nahrung essen. Der Gedanke vom vernetzten Denken
war der Leitfaden für unseren Film.
(Fragen Oliver Kopitzke und Gabi Schlattmann, SWR)
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